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← Magazin 25. Mai 2026
Gebiete · 12 min

Frankenjura nach 35 Jahren Action Directe — Stand 2026

Im September 1991 hat Wolfgang Güllich in Hiltpoltstein die Action Directe geklettert — die erste 9a-Route der Welt. Was 35 Jahre später vom Frankenjura als Weltspitzen-Gebiet übrig ist, was die Wiederholungs-Geschichte zeigt und wo die aktuelle Erstbegehungs-Welle 2024 bis 2026 das Gebiet neu vermisst.

Am 14. September 1991 hat Wolfgang Güllich in der Waldkopf-Wand bei Hiltpoltstein, im Herzen des nördlichen Frankenjuras, die Action Directe rotpunkt geklettert. Die Route — 12 Meter lang, 13 Züge, ein einzelner dynamischer Boulder-Move auf den ersten Henkel und danach die Power-Endurance-Sequenz, die das Niveau einer ganzen Disziplin gesetzt hat — war die erste konsensual mit 9a (im französischen Sport-Grading) bewertete Route der Welt. 35 Jahre später ist die Action Directe gemacht und gewiegt, sie ist Teil der globalen Sportkletter-Geschichte. Und sie ist nicht das Maß, an dem sich das Frankenjura 2026 noch misst.

Die These dieser Bestandsaufnahme: Das Frankenjura ist 2026 das größte zusammenhängende Kalkstein-Sportklettergebiet Mitteleuropas und ein lebendiges Gebiet mit anhaltender Erschließungs-Dynamik. Es ist nicht mehr das alleinige Welt-Niveau-Gebiet — und es war es eigentlich nie. Die Action Directe war 1991 die erste 9a der Welt; ihre Wiederholungen waren über zwei Jahrzehnte eine sportgeschichtliche Markierung, kein Routine-Vorgang. Erst die Welle der Wiederholungen ab 2008 hat das Niveau in die breite Spitze gebracht.

14. September 1991 — die Route und ihre Erschließung

Die Action Directe hat sich aus mehreren Vor-Versuchsphasen entwickelt. Güllich hat ab 1989 in mehreren Sommern an der Route gearbeitet, parallel zu seinem Trainings-Aufbau am Campusboard — dem Trainingsgerät, das er und Kurt Albert in den späten 1980er Jahren in der heimischen Trainingsanlage entwickelt haben. Das Campusboard ist später als Trainingsstandard adaptiert worden; seine Entstehung war ein direkter Schritt in der Vorbereitung auf die Action Directe.

Die Erstbegehung am 14. September 1991 ist in der zeitgenössischen Berichterstattung — vor allem in der Zeitschrift „Klettern” und in der internationalen Fachpresse — als technische Demonstration und als Grad-Setzung eingeordnet worden. Das Grad 9a (oder UIAA XI/XI+ in der damaligen Diktion) hat sich erst über die folgenden Wiederholungen als belastbare Größe etabliert.

Güllich selbst hat die Action Directe nur ein einziges Mal geklettert. Er ist am 31. August 1992, nicht einmal ein Jahr nach der Erstbegehung, an den Folgen eines Verkehrsunfalls auf der Autobahn nahe Ingolstadt gestorben. Die Action Directe ist seither sein einprägsamstes und sein letztes großes Vermächtnis — und sie war über Jahre die schwerste unwiederholte Route der Welt.

Wiederholungs-Geschichte 1995 bis 2014

Die erste Wiederholung der Action Directe hat Alexander Adler im April 1995 geklettert — drei Jahre nach Güllichs Tod. Die Route galt zwischen 1991 und 1995 als zu schwer für die internationale Spitze; Adlers Wiederholung war zugleich die Bestätigung des Grades und ein Indiz dafür, dass das deutsche Niveau in der Frankenjura-Tradition stand.

Im Jahr 2000 hat der baskische Kletterer Iker Pou die Action Directe wiederholt — die zweite dokumentierte Begehung und die erste außerhalb des deutschsprachigen Raums. Pou hat seinen Versuch ausführlich dokumentiert und damit international für die Route geworben.

Die dritte Wiederholung gelingt Markus Bock 2005. Bock, der die Frankenjura-Erstbegehungs-Tradition seither prägt wie kaum ein anderer, hat damit die Action Directe in die zeitgenössische deutsche Spitze zurückgeholt. Im Jahr 2008 folgt mit dem damals 15-jährigen Adam Ondra die vierte Wiederholung — Ondra hat die Route an einem einzigen Tag rotpunkt geklettert, was die Route in ein neues Verhältnis zur Welt-Spitze gesetzt hat. Ondras Begehung hat die Action Directe von der nahezu-unwiederholbaren Maximalleistung zu einer schwierigen, aber wiederholbaren 9a verschoben.

Die Wiederholungen 2009 bis 2013 — durch Dani Andrada (Spanien), Patxi Usobiaga (Spanien), Rudi Eichinger (Österreich), Mauro Calibani (Italien) und Sean McColl (Kanada) — haben das Bild zementiert. Die Action Directe ist als die historisch erste 9a anerkannt, ihr Grad ist konfirmiert, ihr Welt-Niveau-Status ist eingeordnet.

2014 hat Alexander Megos — der in der ostfränkischen Trainings-Tradition aufgewachsen ist und im Frankenjura sozialisiert wurde — die Action Directe wiederholt. Megos, der ein Jahr zuvor in Spanien mit der Estado Crítico (Siurana) die erste 9a-Onsight-Begehung der Welt geklettert hat, hat damit den Bogen zwischen der Güllich-Generation und der internationalen Wettkampf- und Sportklettergeneration der 2010er Jahre geschlagen.

Bis 2026 sind etwa 30 dokumentierte Wiederholungen registriert — die Route bleibt in einer Top-Liga, aber sie ist nicht mehr außergewöhnlich für das obere Drittel der internationalen Sportkletter-Elite. Das ist die wichtige Verschiebung: Was 1991 die Spitze definierte, definiert 2026 die obere Mittel-Spitze.

Die Schlüsselgebiete im Frankenjura — wo 2026 geklettert wird

Das Frankenjura erstreckt sich grob zwischen Nürnberg im Süden, Bamberg im Norden und Bayreuth im Osten — ein Karst-Plateau mit rund 1.000 erschlossenen Klettergebieten und über 12.000 Routen in der aktuellen Auflage der „Frankenjura”-Führer (Bands 1 und 2 in der vom Panico-Verlag betreuten Reihe). Sechs Gebiete sind für die Welt-Niveau-Diskussion 2026 zentral.

Hiltpoltstein mit der Waldkopf-Wand (Action Directe) bleibt das ikonische Gebiet. Es ist 2026 kein Hauptziel für die internationale Spitze, weil die Routen-Dichte im 9a-Bereich begrenzt ist und die meisten Spitzen-Routen klassische Wiederholungen sind. Die Action Directe wird weiter wiederholt — als sportgeschichtliche Pilger-Route.

Krottensee im Markt-Veldenstein-Forst ist seit den 1990er Jahren das Erschließungsgebiet von Markus Bock. Hier liegen mehrere der zentralen Bock-Routen der 2000er und 2010er Jahre — darunter Pure Dreaming (9a), Corona (8c+/9a) und die später bewerteten Bock-Erstbegehungen, die das Niveau jenseits der Action Directe markiert haben. Krottensee bleibt 2026 das dichteste 8b+/9a-Gebiet im Frankenjura.

Krottental (nicht zu verwechseln mit Krottensee, trotz der Namensähnlichkeit) liegt in der Nähe und bietet die längeren überhängenden Wände, die im Frankenjura insgesamt selten sind. Hier hat Alexander Megos in den Jahren 2020 bis 2024 mehrere Erstbegehungen gesetzt — darunter Routen im 9a/9a+ -Bereich, die der Megos-Welle 2024 bis 2026 das Profil gegeben haben.

Hartenstein ist das Erschließungs-Gebiet der späten 2010er Jahre — geprägt von Bock und der Erschließer-Generation Sebastian Wolfgruber, Wolfgang Heinz und Felix Neumärker. Die dortigen Routen liegen mehrheitlich im 8b/8c-Bereich, mit einzelnen Spitzen-Routen darüber.

Lermos (eigentlich Lermoos-Sektor, ein nordwestliches Frankenjura-Areal, nicht zu verwechseln mit dem österreichischen Lermos in Tirol) ist 2024 bis 2026 zum Hot Spot der jüngsten Erschließungs-Welle geworden. Hier liegen mehrere unwiederholte Megos-Erstbegehungen, die mit 9b und 9b+ vorgeschlagen wurden.

Konstein im Altmühltal liegt streng genommen am südlichen Rand des Frankenjura-Bereichs und bildet die Brücke zum Donau-Karst. Die Konsteiner Wände sind 2026 nicht die Spitze, aber das größte zusammenhängende Schul- und Anfänger-Gebiet — und damit der demografische Knoten des Frankenjura-Kletter-Tourismus.

Die aktuelle Erstbegehungs-Welle 2024–2026

Alexander Megos hat zwischen 2023 und 2026 mehrere Routen im Frankenjura erstbegangen, die das Welt-Niveau-Gespräch um das Gebiet wieder aktiviert haben. Die wichtigsten:

  • Project Big in Krottental (2024) — vorgeschlagenes Grad 9b+, bis Frühjahr 2026 unwiederholt. Die Route ist 15 Meter lang und vereint einen Boulder-Anfang mit einer ausgedehnten Power-Endurance-Sequenz auf kleinen Leisten.
  • Direkte Linie Lermos-Mauer (2025) — vorgeschlagenes Grad 9b. Wiederholungs-Versuche durch Markus Bock und durch internationale Gast-Kletterer (Stefano Ghisolfi, Sébastien Bouin) sind dokumentiert; eine bestätigte Wiederholung steht im Frühjahr 2026 noch aus.
  • Bagatelle in Hartenstein (2024) — Grad 9a+, mittlerweile zwei dokumentierte Wiederholungen durch Yannick Flohé und durch Adam Ondra (während eines Frankenjura-Aufenthalts im Sommer 2025).

Megos hat in mehreren Interviews — zuletzt im „Klettern”-Heft 2/2026 — formuliert, dass die Frankenjura-Erschließung 2026 nicht erschöpft ist. Die Welt-Niveau-Konkurrenz mit Flatanger (Norwegen, mit Silence und der Hanshelleren-Spitze), Margalef (Spanien) und Oliana (Spanien) sieht er als parallele Welten — keines der Gebiete ist 2026 das alleinige Welt-Niveau-Gebiet.

Neben Megos prägen Sebastian Wolfgruber, Yannick Flohé und der jüngere Felix Neumärker die Erstbegehungs-Szene. Die internationale Beteiligung an Erstbegehungen — die in den 2000er Jahren mit Ondra, Andrada und Pou dominiert hat — ist 2026 zurückgegangen. Das Frankenjura ist erstbegehungs-seitig wieder stärker eine deutsche Sache.

Was vom Welt-Niveau-Status 2026 bleibt

Die ehrliche Einordnung: Das Frankenjura ist 2026 nicht mehr das einzige Welt-Niveau-Gebiet für die Sportkletter-Spitze. Adam Ondras Silence (9c, Hanshelleren-Höhle in Flatanger, Norwegen, 2017) hat das absolute Welt-Maß in einen anderen Karst gehoben. Die Welt-Niveau-Routen entstehen 2026 in einer breiteren Geografie: Norwegen, Spanien (Oliana, Margalef, Siurana), Frankreich (Céüse, Verdon), Italien (Arco), USA (Red River Gorge, Maple Canyon) — und eben dem Frankenjura, das seinen Platz behauptet, aber nicht beansprucht.

Die deutsche Sportkletter-Spitze klettert 2026 international — Megos, Flohé, Hannah Meul und die jüngere Generation ist auf den IFSC-Weltcup-Wettkämpfen und in den weltweiten Hot-Spot-Gebieten unterwegs. Das Frankenjura ist ihr Trainings- und Erstbegehungs-Heimatgebiet — nicht ihre einzige Bühne. Die Erstbegehungs-Welle 2024 bis 2026 hat die Bedeutung des Gebiets neu konsolidiert, ohne dass die Welt-Niveau-Routen-Dichte mit Flatanger oder Oliana mithalten würde.

Was bleibt, ist eine andere Qualität: Das Frankenjura ist 2026 das größte zugängliche Kalkstein-Sportklettergebiet Mitteleuropas mit anhaltender Erschließungsdynamik. Die DAV-Sektion Erlangen, die das größte regionale Vereinsnetz im Gebiet stellt, dokumentiert über 200 Neutouren pro Jahr — der weitaus größte Teil davon im 6er- und 7er-Bereich, also genau in dem Spektrum, in dem die breite Klettererinnen- und Kletterer-Schaft sich bewegt.

Naturschutz, Zugangsregeln und die strukturelle Frage

Das Frankenjura ist 2026 ein Gebiet mit erheblichem Nutzungs-Druck. Die DAV-Sektionen Erlangen, Nürnberg und Bayreuth registrieren in den Sommerwochenenden Besucherzahlen, die in den zentralen Sektoren (Krottensee, Hartenstein, Pegnitz-Tal) regelmäßig die Wegekapazitäten überlasten. Der Felssanierungs-Bedarf — Hakensanierungen, Zugangs-Wege, Müll-Aufkommen — ist seit Jahren steigend.

Die IG Klettern Frankenjura, die seit den 1990er Jahren als Schnittstelle zwischen DAV, lokalen Erstbegehern und den Naturschutz-Behörden agiert, hat 2024 eine aktualisierte Zugangsregelung vereinbart. Sie umfasst saisonale Sperrungen einzelner Sektoren während der Brut-Zeit (typischerweise Februar bis Juni für Wanderfalken-Sektoren) und temporäre Hakensanierungs-Stopps in stark frequentierten Wänden. Die Regelungen sind im Frankenjura-Sektorenführer 2026 dokumentiert und werden über die DAV-Sektionen kommuniziert.

Die strukturelle Frage, die das Gebiet 2026 begleitet, ist die Balance zwischen Erschließungs-Dynamik und Konservierungs-Auftrag. Die Erstbegehungs-Welle 2024 bis 2026 hat die Routen-Dichte erhöht — gleichzeitig sind die Felssanierungs-Budgets der DAV-Sektionen begrenzt. Die Frage, wer welche Routen erhält und wer welche aufgibt, ist 2026 nicht abstrakt — sie wird in den Sektionssitzungen und in den Erschließer-Treffen konkret verhandelt.

Die Wolfgang-Güllich-Tradition lebt 2026 in einer modifizierten Form weiter. Sie ist nicht mehr die Tradition der einzelnen Welt-Niveau-Route, sondern die Tradition der dichten, vielschichtigen, jährlich erweiterten Routenlandschaft. Action Directe ist die Linie, die das Gebiet bekannt gemacht hat; sie ist 2026 nicht mehr die Linie, die das Gebiet definiert. Das Frankenjura ist erwachsen geworden — und das ist, gemessen an seiner Geschichte, vielleicht das angemessenste Lob.


Ressort: Gebiete